Lange mussten sich die Triathleten gedulden, bis sie wieder in Deutschland an den Start gehen durften. Dabei haben sie es besonders schwer, mit ihrer Periodisierung genau auf den einen Tag fit zu werden. Steffi Steybe und Stefan Zuber starteten am 5.September beim Challenge Triathlon in Roth, dem legendären Langdistanz-Rennen in Franken. Musste dieses in 2020 gänzlich abgesagt werden, könnte es in diesem Jahr – verschoben von Juli auf September – unter coronatypischen Hygiene-Auflagen stattfinden. Gut 1500 Starter liessen die Veranstalter zu und unsere beiden SVO Athleten hatten das Glück, bei herrlichem Wetter endlich wieder einen ganzen Tag Sport treiben zu dürfen. Stefan Zuber hat in seinem Rennbericht pointiert den Tag zusammengefasst:
Verdammt, was will ich mitten in der kalten September-Nacht hier? Unter uns liegt, hell erleuchtet wie ein grün schimmernder Smaragd, die Wechselzone der Challenge Roth in der Dunkelheit. Zwei Jahre habe ich auf der Couch Fabelzeiten im Schwimmen, Radfahren und Laufen zu unfassbaren Finishes addiert. Jetzt spüre ich, wie meinem Ego rasant die Luft entweicht. Hinrichtung statt Partytime.
Ziele? Gibt es. Auf alle Fälle schneller sein als Speedy-Steffi, die mir am Freitagabend noch von ihren Ambitionen bei der Deutschen- und den Europameisterschaften erzählt hat, welche im Rahmen der Challenge Roth stattfinden. Also lieber sterben als eine Sekunde langsamer sein als die ehemalige Leistungssportlerin der Leichtathletik.
Rein in die Wechselzone.
Wo zum Teufel ist mein Rad? Offenbar hat man sich in der Nacht entschieden, die Wechselzone ordentlich aufzuräumen und hat umgestellt. Ok. Rad gefunden. Pumpe organisieren. Irgendsoein Schrott-Ding. Pffft! Alle Luft entweicht dem Hinterrad. Andere Pumpe besorgen. Funktioniert. Wenn schon nicht das Ego, so haben jetzt wenigstens die Reifen Luft. Danach: Tour de Dixie. „Der Verbrauch an Klopapier ist hoch“, sagt Sebi Kienle. Der Mann ist Profi. Der Mann hat recht.

Aufruf zum Start meiner Gruppe. Ich schlappe zum Start: „Deine Gruppe ist schon im Wasser…“ Wie jetzt? Hallo-Wach-Moment! Rein in den 18 Grad warmen Kanal. Das ist immer noch angenehmer als die acht Grad draußen. Rumms! Startschuss. Es geht los wie beim olympischen 100-Meter-Finale. Soll mir recht sein. Siehe oben: „Fabelzeiten“. Nach etwa 700m auf einmal die ersten roten Badekappen der vor uns gestarteten letzten Frauengruppe zwischen uns. Ab jetzt wird es voll wie im Piranha-Becken. Es folgen 3.100m Wasserballkraul. Habe ich in dem Ausmaß nicht geübt. Die erste „Fabelzeit“ ist leider wasserlöslich.
Raus aus dem Kanal. Habe eigentlich schon keine Lust mehr. Vergesse in der Hektik des Wechsels mein Gel zu nehmen, das ich mir zurechtgelegt hatte. Wird nicht das erste Mal an diesem Tag sein. Rauf auf’s Rad. Habe die Schuhe profimäßig vorher eingeclickt, um mich chefmäßig elegant auf die Kiste zu schwingen. Klappt eigentlich auch immer. Nur heute nicht. Komme nicht in die Schuhe. Stelle mich an wie der erste Mensch. Wie peinlich! Nun muss „the pedal to the metal“. Beim Laufen ist Steffi die Stärkere. Ein Puffer muss her und zwar nicht zu knapp.
Kilometer 24. Ich überhole Steffi. Hat länger gedauert als geplant. Hoffentlich liest sie das jetzt nicht, denn dann gehöre ich im nächsten Rennen endgültig der Katz. Lockerer Gruß. Ein Blick in ihre Augen zeigt, sie ist zu 100 Prozent fokussiert. Ich winke dankbar den Zuschauern zu, die uns anfeuern. Ansonsten: keine Biermeile in Eckersmühlen. Kein Solarer- und kein Kränzleinsberg. Die COVID-Seuche lässt keine jubelnden Massen zu.
In Greding: ich muss pullern. Egal. Weiter geht`s. Zweite Runde. Die Kurven runter zur Schleuse Eckersmühlen fahre ich viel zu vorsichtig. Jedes Jahr der gleiche Fehler. Schwinge innerlich die Peitsche. Runde zwei. Der Wind gibt Richtung Greding Bescheid, dass es ihn noch gibt. Ich muss noch mehr pullern. 20km vor Wechselzone zwei stoppe ich dann doch kurz bei einer günstigen Gelegenheit. Warum? Darum! Dumme Idee. Soll sich später im Zielkanal noch rächen.
Wechselzone zwei kommt in Sicht. Der Abstieg vom Rad gelingt genauso gut wie der Aufstieg. Ich bleibe an der Buddel hinten hängen und lege mich fast hin. Nicht mein Tag! Rein ins Zelt. Supernette Helferin. Roth at his best! Raus auf die Laufstrecke.
Wie viel Vorsprung habe ich wohl auf Steffi? Schätze mal 40 Minuten. Klingt viel, aber ich kenne ihre Fähigkeiten als ehemalige Sprintkönigin. Wird ne enge Kiste. Renne im 5er Schnitt los. Bin ich bekloppt?! Das wird so nicht klappen. Obwohl: klappen wird es auch nicht, wenn ich langsam mache. Ich kenne meine kaputten Fersen. Auf dem Weg zur Lände kommt mir die spätere Siegerin Anne Haug entgegen. Sie rennt wie eine Nähmaschine. Wahnsinn! Laufstil – Augenweide. Möchte ich auch können. Kann ich aber nicht. Unten an der Lände stehen meine Frau und Jochen, Steffis Mann. Anfeuerung tut gut. Jetzt beginnt die endlose Monotonie des Kanals. Steffi kommt mir früher entgegen als gedacht. Wenn sie sich so gut fühlt, wie sie aussieht, heißt das gute Nacht. Schätze, sie hat bereits nach 10km die ersten 10 bis 15 Minuten zugelaufen.
In der Folge schlage ich bei einer Verpflegungsstation generös das Gel aus, das man mir reichen will. Was ich nicht weiß: die nächsten Stationen haben alle keins. Als es wieder welche gibt, ist es für meinen Magen zu spät.
Um den Halbmarathon herum bekomme ich Besuch. Ein grimmiger Herr stellt sich mir vor. Er hätte Werkzeug für mich dabei und präsentiert einen Hammer. Rumms! Aua! Ab jetzt nur noch Elend. In der Folge weiß ich nicht, ob ich als nächstes Kotzen oder gleich in Ohnmacht fallen soll. Der Vorsprung auf Steffi schmilzt auf 13 Minuten. Das Rechnen beginnt. Während ich nur noch Schleichfahrt mache, sah sie noch wie eine Million Dollar aus. Errechne, dass sie mich bei km 33 kriegen müsste. Wird also knapp. Auch wenn man bedenkt, dass ich noch den Puffer des zehn Minuten späteren Starts habe.
Ich frage mich, wie ich jemals den Berg nach Büchenbach hochkommen soll. Beine. Füße. Ein einziger irrwitziger Schmerz. Auch wenn man es kaum mehr Laufen nennen kann: nur nicht gehen oder gar anhalten. Dann käme ich nie wieder in Gang. Hoch nach Büchenbach. Ich bin ein Häuflein Elend auf Latschen. Auf dem Weg zurück kommt mir Steffi erneut entgegen. Drei Minuten Vorsprung habe ich noch. Derweilen schwöre ich mir, dass ich mir die Schinderei einer Langdistanz nie wieder antue. Nie wieder!

Wieder in Roth kommt mir Organisator Felix Walchshöfer auf einem eScooter entgegen. Er grüßt mich mit vollem Namen. Dabei kennt er mich nur aus ein paar WhatsApps, die wir uns mal geschrieben haben. Wahnsinn!
Die letzten Meter durch Roth. Jetzt nur nicht kurz vor dem Ziel zusammenklappen. Im Zielkanal sprintet Steffi an mir vorbei. Sie hat es also geschafft, mich zurückzuüberholen. Ich hätte nicht zum Pullern anhalten sollen! Sie wird nach 3,8km Schwimmen, 170 km Rad mit einem 3:46er Marathon fantastische Deutsche Vizemeisterin und vierte bei den Europameisterschaften ihrer Altersklasse. Ich bleibe zehn Minuten unter ihrer Zeit und werde 16ter meiner Altersklasse. Alles ist für alle gut!
Am nächsten Morgen überlege ich, mich doch für 2022 wieder anzumelden. Ja, es ist eine unfassbare Viecherei. Aber ich kann doch den netten Felix unmöglich hängen lassen!
